Von Rainer Marbach
Wenige Tage vor ihrem 89. Geburtstag ist Rita Süssmuth gestorben. Eine über Jahrzehnte gewichtige Stimme – gerade auch in ihrem Einsatz für die queere Community – ist verstummt.
„Gleichstellung war ihr Lebensthema“ titelte der Tagesspiegel treffend über ihr Engagement vor allem in der Frauen-, Gesundheits-, Migrations- und Erwachsenenbildungspolitik, das weit über ihre politischen Ämter als Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit sowie als Bundestagspräsidentin hinausreichte.
Sie setzte in Deutschland mit ihrer von einer liberalen Grundhaltung geprägten Aids-Politik streitbar – gegen viele Widerstände aus dem konservativen Lager – eine menschenwürdige, ja menschenfreundliche Politik gemeinsam mit den Betroffenen und nicht gegen sie durch: „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Infizierten.“
Wir erinnern uns an die Situation, in der Rita Süssmuth ihr Amt als Gesundheitsministerin antrat: Die Emanzipationsbewegung der 70er Jahre hatte gerade erst zu einem Selbstbewusstsein der schwulen Community geführt, als Anfang der 80er Jahre die Aids-Katastrophe über sie hereinbrach.
Heute ist es nur noch schwer vorstellbar, in welchem Maße Angst und Verunsicherung in dieser Zeit das Leben schwuler Männer prägte, die sich früh mit dem Tod auseinandersetzen mussten, ihre Partner, ganze Freundeskreise und häufig auch aufgrund von Abstinenzforderungen ihre Sexualität verloren. Dazu trug auch eine häufig von „Bestrafungsphantasien und apokalyptischen Seuchenängsten“ (Martin Reichert) bestimmte Medienberichtserstattung über die sogenannte „Schwulenseuche“ bei – und in der politischen Debatte die teilweise erhobene Forderung nach Ausgrenzung und einer rigiden, am Bundesseuchengesetz ausgerichteten Aids-Politik, die sogar Überlegungen von Lagern für HIV-Infizierte umfasste.
Wenn das Plädoyer von Aktivist*innen und vieler anderer fortschrittlicher Menschen auf Akzeptanz von Lebensweisen, Eigenverantwortung und Zusammenarbeit mit Selbsthilfeeinrichtungen zu setzen, schließlich in der staatlichen Aids-Politik aufgenommen wurde, so ist das entscheidend Rita Süssmuth zu verdanken.
Das Waldschlösschen war auch an diesem Prozess beteiligt: Durch sachliche Informationen in der allgemeinen Öffentlichkeit, Vernetzung der Aids-Hilfe-Initiativen, bundesweite Positiventreffen sowie Qualifizierungsmaßnahmen für Mitarbeitende in Aids-Hilfen und anderen sozialen Berufen.
In diesen Arbeitsbereichen begleitete Rita Süssmuth das Waldschlösschen über viele Jahre. Sie erläuterte ihre Politik im Rahmen der Vortragsreihen des Hauses, sie besuchte Positiventreffen und informierte sich vor Ort über die Fortbildungsarbeit.
Ihre empathische Unterstützung ermutigte viele auf dem Weg zur aktiven politischen und gesellschaftlichen Teilhabe. Gleichberechtigung war für sie selbstverständlich, sie verschwieg auch nicht (in ihrer Rede anlässlich der Feier der staatlichen Anerkennung des Waldschlösschens als Heimvolkshochschule), dass sie auch dem Waldschlösschen ihren persönlichen Lern- und Entwicklungsprozess bezüglich Homosexualität und Aids verdanke.
Wir verabschieden uns mit großer Dankbarkeit von Rita Süssmuth.
Beitrag zum Staatstrauerakt im Deutschen Bundestag am 24.02.2026

Rita Süssmuth beim Positiventreffen 1987.
