Von Wolfgang Vorhagen
Ach Michael!
Sechs Wochen ist es her, dass wir beide während der Gesundheitstage für Positive im Waldschlösschen bei einem gemeinsamen Spaziergang darüber sprachen, wie sehr es dich inzwischen in deinem Alltag beeinträchtigt, immer schlechter hören und sehen zu können.
Aber das Thema streiften wir nur, denn aufs Klagen hast du dich nie lange zurückgezogen, sondern dich trotz der krankheitsbedingten Zumutungen, die du in deiner langen Biografie mit HIV ertragen musstest, nicht von deiner Neugier und dem Interesse für die Menschen und das Leben um dich herum abbringen lassen.
Es ging bei unserem Spaziergang auch um deine große Vorfreude auf das schwule Bergwandercamp in Mogno im Tessin, dass du nicht zum ersten Mal besuchtest, aber meintest, dass es aufgrund deiner kör-perlichen Verfassung vermutlich das letzte Mal sein würde.
Du warst nicht jemand, mit dem ich in einem ständigen Kontakt war, aber alle paar Wochen tauschten wir uns per SMS oder auch bei längeren Telefonaten aus, wenn es einen Anlass gab. Unser Telefonat nach dem Tod von Rita Süßmuth und unser Versuch der Selbstanalyse, warum ihr Ableben bei uns beiden so erstaunlich viel Trauer hervorrief, ist mir noch so gut in Erinnerung geblieben. Es war immer wieder überraschend, wie oft du und ich Parallelen in unserem „in der Welt sein“ entdeckten.
Dankbar bin ich dir für dein Angebot von biografischen Interviews als Rückblick auf Stationen meines Lebens, die du mir als Geschenk angeboten hattest und in denen sich dann oft viele Anknüpfungspunkte für tiefe Gespräche unter uns beiden ergaben, festgehalten auf Band! Dabei entwickelte sich eine gemeinsame Zeitreise, du vor allem in der Rolle des aufmerksamen Zuhörers mit wohlbedachten und klugen Fragen. Für deinen nächsten Berlinaufenthalt hatten wir ein weiteres Interview vorgesehen, in dem es dann vor allem um meine Zeit im Waldschlösschen gehen sollte, die du als noch junger Teil-nehmer seit 1992 mit begleitet hast.
In unseren Gesprächen warst du aufmerksam und zugewandt, mit manchmal überraschend neuen Perspektiven auf unsere Themen, hattest deinen manchmal etwas eigenen Kopf und zugleich einen wunderbaren Humor! Unvergesslich ist mir ein Interview im Tempelgarten auf dem Tempelhofer Feld, einem der Lieblingsorte in meiner Berliner Heimat, bei dem du nach einem zweistündigen intensiven Gespräch feststelltest, dass du vergessen hattest, die Batterien zu wechseln. Zwei ältere schwule Herren, die statt großem Bedauern in großes Gelächter ausbrachen, da wir wussten, dass diese zwei Stunden nicht umsonst gewesen waren – vielleicht die Gelassenheit des Älterwerdens.
Als Teilnehmer warst du ein Gewinn in den vielen meiner Seminare, in denen ich dich erleben durfte. Du konntest viel zu den Themen aus deinem reichen und wechselvollen Leben beitragen, manchmal auch anecken, und immer mit einer großen Präsenz.
Als Referent z.B. bei den Positiventreffen oder den Seminaren für ältere Schwule gaben deine Impulse oft Anstöße für weitere gute Diskussionen mit einem oft hohen Erkenntnisgewinn. Andere Nachrufe werden zurecht deine großen Verdienste bei der Aufarbeitung der Aidsgeschichte und in Köln und in NRW hervorheben, die du mit großer Leidenschaft betrieben hast und dabei deine wichtige Rolle in der Positivenselbsthilfe und der Aidshilfe. Du warst auch Gründungsmitglied bei BISS e.V. und an den Diskussionen um die von uns gesetzten inhaltlichen Schwerpunkte, engagiert beteiligt.
Mit deinem Tod verliere ich einen langjährigen Wegbegleiter und Gesprächspartner, wenn es um Aspekte meiner Arbeit im Waldschlösschen aber auch im privaten Leben ging, im Diskurs über das Leben mit HIV/Aids, aber auch im Austausch über unsere Erfahrungen als ins Alter gekommene schwule Männer. Das du es soweit geschafft hattest, vor dem Hintergrund der höchstens 2 bis 3 Jahren an Lebenszeit, die dir nach deiner HIV-Diagnose damals Anfang der 90iger Jahre gegeben wurden, erfüllte dich immer wieder auch mit Dankbarkeit und zurecht auch mit einem gewissen Stolz.
Deine Nachricht am 25. Juli vom Wandercamp im Tessin lautete: „Angekommen! Es ist ganz schön wild und steil hier. Und angenehme Temperaturen und rauschender Wind. Jetzt geht’s los, all die Namen von uns 35 zu lernen und Eselsbrücken zu finden. Es ist schön, hier zu sein…“
Ich werde dich, unsere Gespräche, deine unverwechselbare Stimme mit dem mir so vertrauten rheinischen Singsang und dein wunderbares Lachen vermissen. In Dankbarkeit und Erinnerung an einen besonderen Menschen!
